top of page

Wutausbrüche bei Kleinkindern:

emotional begleiten, kommunikativ stärken

Noch ein Eis!

„Ich mag aber noch ein Eis!“ Milan, fast 4 Jahre alt, stampft mit dem Fuß auf. „Milan, du hattest schon ein Eis. Das ist genug. Und das weißt du. Schluss jetzt! “, kommt es genervt von Milans Papa, der denselben Dialog nun schon eine Weile ziemlich geduldig geführt hat. So, nun lässt sich der Wutausbruch beim Sohnemann nicht mehr zurückhalten. Milan schreit drauflos „Ich will aber ein Eiiiiiis!“ - und die Tränen spritzen.

 

Wut in der Kindheit

Eltern kennen solche Situationen. Kleinkinder und Wutausbrüche gehören zusammen. Nicht selten werden wütende Kinder nicht nur laut, sondern auch aggressiv, auch gegenüber Mama, Papa, Geschwistern, Oma oder Opa. Sehr anstrengend für alle Beteiligten! Warum ist das so und was kannst du als Elternteil tun?

 

Logopädischer Blick auf Wutausbrüche bei Kindern

Als Logopädin habe ich bei diesem Thema die Kommunikationsentwicklung im Blick. Mich interessiert: wie differenziert kann das Kind sich ausdrücken? Wie kann es damit umgehen, wenn die Emotionen hochkochen? Wie kann es Sprache in so einer Situation einsetzen? Im Kleinkindalter gibt es da typische, entwicklungsbedingte Herausforderungen.

 

Autonomie, Sprachentwicklung und Regulation

Dein Kind spürt starke Gefühle in sich, wenn ihm zum Beispiel ein Wunsch nicht gewährt werden kann. Unter anderem fühlt es sich in seinem Bestreben nach Autonomie, also nach eigenen Entscheidungen und Selbstständigkeit, fies beschränkt. Außerdem ist es mega frustriert oder wütend, weil es etwas nicht bekommt oder etwas nicht machen darf.

Nun kann dein Kind diese komplexen Emotionen aber noch nicht vollständig in Worte fassen. Und: die kindliche Emotionsregulation ist noch unausgereift, so dass dein Kind sich noch nicht selbst beruhigen kann.

Diese Kombination aus wenig Sprache, vielen Gefühlen und dem fehlenden inneren „Regulations-Deckel“ führt zum natürlich Überkochen. Der kleine Vulkan Kind explodiert.

 

Kleiner Ausflug in die logopädische Therapie

Wut, Ärger, starke Gefühle – das alles erleben sprechende und nicht-sprechende Kinder auch während der Logopädie.

 

Zum Beispiel Sina: Wutausbrüche verstehen ohne Worte

Sina ist 11 Jahre und hat Trisomie 21, auch bekannt als Down Syndrom. Sie verwendet fast keine verbale Sprache. Stattdessen nutzte Sina „Unterstützte Kommunikation“: sie zeigt auf Bildkarten, um sich mitzuteilen. Kommunikation ohne Worte also. Sarah wünscht sich von mir ein Lied. Sie gibt mir die entsprechende Bildkarte aus ihrer Kommunikationsmappe. Ich sehe das Bild, stutze und sage: „Sina, tut mir voll leid. Das Lied kenne ich nicht. Ich kann es leider nicht singen.“ Oje. Sina wird richtig sauer. Sie schreit laut auf und schlägt auf den Boden. Dann rennt sie in die andere Ecke des Zimmers.

 

„Ich verstehe dich“ vs. „Beruhig dich!“                                                                               

Mein erster Impuls ist, dass ich Sina beruhigen möchte. Ich möchte ihr sagen: „He, ist doch nicht so schlimm. Schau mal, da gibt es noch so viele Lieder in deiner Mappe. Such dir ein anderes aus!“

Der Impuls „Wir beruhigen uns alle! Wie suchen nach einer tollen anderen Idee!“ ist total verständlich. Klar, das geht in Richtung lösungsorientierte Gesprächsführung. Außerdem ist ein ruhiges Kind so viel angenehmer als ein wütendes Kind. Daher möchte ich, und vielleicht kennst du das auch, am liebsten schnell beruhigen und von der Wut ablenken. Trotzdem schiebe ich diesen Impuls, Sina sofort zu beschwichtigen, beiseite. Ich sage stattdessen zu ihr: „Mir kommt vor, du findest das richtig blöd, dass ich das Lied nicht für dich singen kann. Ich habe den Eindruck, du ärgerst dich.“

 

Sich verstanden fühlen

Wir alle wollen gehört und verstanden werden. Das ist ein riesengroßes emotionales Bedürfnis. Stell dir vor, du möchtest per Telefon eine Bestellung in der Pizzeria aufgeben – für die ganze Familie. Deine Liste ist lang und voll mit Extrawünschen. Die Verbindung ist so schlecht, dass die Person am anderen Ende der Leitung dich andauernd falsch versteht. Fast nichts, was du sagst, kommt an. Nervig, oder?

 

Stressfaktor Nummer 1

Bei etwas ganz Dringendem nicht verstanden zu werden, ist auch für Kinder ein enormer Stressfaktor. Für Kinder mit einer Sprachentwicklungsstörung gilt das ganz besonders: sie können noch nicht genau ausdrücken und deutlich artikulieren, was sie sich wünschen oder wie sie sich fühlen.

Wichtig hierbei: körperliche Aggressionen gegen andere sind verboten. Als Gegenüber sorgen wir natürlich für Gewaltfreiheit.

So lange dein Kind das Gefühl hat, „du verstehst mich nicht!“, wird es dir weiterhin zeigen wollen, wie es sich fühlt und was es stört. So lange, bis es merkt: Papa oder Mama nimmt mich ernst. Er oder sie versteht meine Gefühle. Dann kann und wird es schön langsam beruhigen. Die Situation kann sich entspannen.

 

Emotionale Co-Regulation:

Meine Tipps für dich, wenn dein Kind einen Wutanfall hat

1. Bleib im Hier und Jetzt

Bleibe ruhig. Atme tief durch. Bei all deinen Aufgaben als Elternteil braucht diese Aufgabe jetzt deine Aufmerksamkeit. Vielleicht kannst du dir das innerlich vorsagen „Ich höre jetzt zu.“ Um wirklich bei dir zu bleiben. Es lohnt sich!

2. Höre zu

Hör erst einmal nur zu. Zeige deinem Kind mit deiner Körpersprache, vielleicht auch mit Nicken und „mh-mh“-Sagen, dass du es ehrlich verstehen möchtest.

3. Wiederhole, was du verstanden hast

Dann fasse in deine Worte, welche Gefühle und Wünsche du bei deinem Kind wahrnimmst. Versuche, es in ganz simple Worte zu verpacken, zum Beispiel so: „Oh, du bist jetzt richtig sauer. Ich glaube, du ärgerst dich sehr!“ oder „Oje, jetzt hast du dir sehr weh getan. Das ist richtig unangenehm."

Du zeigst deinem Kind auf diese Art: Ich verstehe, was du ausdrücken möchtest. Ich verstehe, wie du dich fühlst.

4. Nimm Stress raus

Meine Erfahrung zeigt: Wenn ich in Worte fasse, was das Kind vermutlich fühlt, beruhigt sich die Situation. Einfach, weil der „Versteh mich doch!“-Stress weg ist.

 

„Ja, aber…“

In Gesprächen mit Eltern und Bezugspersonen höre ich häufig die Sorge, das Kind könnte den Satz „Ja, Ich kann dich verstehen“ als Nachgeben auffassen. Vielleicht hast du auch das Gefühl: Oje, wenn ich darauf eingehe und sage „Aha, du möchtest also noch ein Eis“, dann glaubt mein Kind, es bekommt wirklich noch ein Eis.

 

„Ich verstehe dich heißt“ nicht „Ich bin einverstanden“

„Verstehen“ bedeutet zunächst einmal nur: ich habe dich gehört und den Sinn verstanden. Du kannst die Gefühle deine Kindes verstehen, ja. Das muss nicht heißen, dass du einverstanden bist mit dem, was es möchte. Denn: Sarahs Lied kenne ich halt einfach nicht. Und Milan bekommt kein Eis mehr. Trotzdem werden die Gefühle dieser Kinder gehört und verstanden. Das hilft dem Kind bei seiner emotionalen Regulation. Es hilft, dass dein Kind sich beruhigt.

 

Wie weiter? Und wozu das Ganze?

Bleib bei deinen persönlichen Entscheidungen, wie zum Beispiel bei Milan „Ein Eis ist genug“. Du triffst sie schließlich, damit es deinem Kind gut geht. Begleite dein Kind liebevoll dabei, im Laufe der Zeit immer mehr Geduld, Emotionsregulation und Selbstkontrolle zu entwickeln. Du zeigst deinem Kind dabei außerdem eine wertvolle Möglichkeit, respektvoll ein Gespräch zu führen - trotz unterschiedlicher Meinungen und Bedürfnisse. Das ist eine kommunikative Fähigkeit, die wir alle brauchen können!

 

Nobody is perfect

Elternsein ist eine vielschichtige Aufgabe mit unzähligen kleinen und großen Herausforderungen. Jeder Tag ist anders. An manchem Tagen schaffst du es locker, dein Kind durch einen Gefühlsausbruch zu begleiten. An anderen Tagen fehlt dir komplett die Kraft für emotionale Co-Regulation. Das ist kein Problem. Was zählt, ist deine Grundhaltung: du tust, was dir möglich ist, um dein Kind kommunikativ und emotional zu stärken.

 

Hast du Fragen zum Artikel? Schreib mir eine Mail an kontakt@zentrumamfloe oder besuche mich auf Instagram! Einen Artikel zum Thema „Konfliktlösung mit Kindern“ findest du hier.

wutausbrüche-bei-kindern-zentrum-an-floe
bottom of page